Atemarbeit ist nicht nur ein Wellness-Trend. Es ist die Sprache deines Nervensystems.
Die meisten Menschen denken bei Atemarbeit an eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Ein Zusatz zum Yoga. Etwas Sanftes, etwas Mystisches, vielleicht sogar schwer ernst zu nehmen.
Aber was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass der Atem nicht nur ein Entspannungswerkzeug ist? Es ist die Art und Weise, wie dein Nervensystem spricht.
Ich habe das auf die harte Tour gelernt. Vor Jahren, als ich ausgebrannt war und im Überlebensmodus feststeckte, sagte mir jemand, ich solle "einfach atmen" Ich weiß noch, dass ich am liebsten geschrien hätte. Nicht, weil es falsch war, sondern weil mir noch nie jemand erklärt hatte, wie der Atem eigentlich funktioniert. Oder warum er wichtig ist. Oder welche Art von Atmung was bewirkt.
Heute bringe ich Frauen bei, wie sie sich durch Bewegung, Atem und Neurotraining mit ihrem Körper und Geist verbinden können. Und je mehr ich es in der Praxis sehe, desto mehr weiß ich: Dein Atem ist kein Soft Skill. Er ist ein mächtiges Werkzeug.
Lassen Sie es uns aufschlüsseln.
Dein Atem ist eine Botschaft
Dein Nervensystem scannt ständig deine Umgebung. Es fragt sich ständig: "Bin ich sicher? Kann ich mich ausruhen? Muss ich mich schützen?"
Aber es bekommt die Antworten nicht von deinen Gedanken. Es liest deine Körperhaltung, deine Muskelspannung und vor allem deinen Atem.
Tiefes, schnelles Atmen signalisiert deinem System, dass Gefahr besteht. Langes, langsames Ausatmen sagt ihm, dass du in Sicherheit bist. Das ist keine Metapher. Das ist Neurobiologie.
Forschungen der Stanford University zeigen, dass schon ein paar Minuten bewusstes, kontrolliertes Atmen Ängste effektiver reduzieren kann als Achtsamkeitsmeditation. Warum? Weil sie das autonome Nervensystem direkt reguliert. Du versuchst nicht, dich selbst in Ruhe zu denken. Du atmest deinen Körper ein.
Dr. Stephen Porges' Arbeit über die Polyvagal-Theorie unterstützt dieses Verständnis. Er zeigt, wie langsames, rhythmisches Atmen den Vagusnerv, den wichtigsten Kommunikator zwischen Körper und Gehirn, tonisiert. Der Atem wird zu einem zweiseitigen Signal. Er ist nicht nur ein Symptom dafür, wie wir uns fühlen, sondern ein Weg, unsere Gefühle zu verändern.
Und wenn du das erst einmal verstanden hast, wird dir klar, wie oft du den Atem angehalten hast. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional.
Unterschiedliche Atemzüge, unterschiedliche Ergebnisse
Hier bleiben die meisten Menschen stecken. Sie probieren eine Atemtechnik aus, meist die klassische tiefe Bauchatmung, und erwarten, dass sie alles in Ordnung bringt.
Aber Atmen ist nicht gleich Atmen. Verschiedene Techniken bewirken unterschiedliche Dinge:
Atmen für Energie: Hochregulieren
Diese Technik ist ideal, wenn du dich erstarrt, träge oder geistig benebelt fühlst. Sie ist der Aufwachknopf deines Nervensystems.
Versuch es mit kurzen, scharfen Einatmungen durch die Nase und passiven Ausatmungen wie einem leisen Seufzer. Mach 30 Sekunden und halte inne. Wiederhole das bei Bedarf.
Das aktiviert den Sympathikus auf eine gesunde Weise. Es gibt dir Energie, ohne dich zu überwältigen.
Wende es vor dem Training, einem morgendlichen Meeting oder wenn du in einer Prokrastinations-Spirale steckst an.
Atmen für Ruhe: Downregulation
Das ist es, was die meisten Menschen mit Atemarbeit in Verbindung bringen. Lange Ausatmungen, Nasenatmung und Verlangsamung des Rhythmus. Es sagt dem Körper: "Wir sind jetzt in Sicherheit."
Versuch es mit viermaligem Einatmen und sechsmaligem Ausatmen. Oder noch besser, verdopple die Länge des Ausatmens.
Du kannst beim Ausatmen auch leise summen. Diese Vibration stimuliert den Vagusnerv und gibt ein erdendes Gefühl, das der Körper als Sicherheit empfindet.
Es ist ideal für ängstliche Momente, die Schlafenszeit oder emotionale Überforderung.
Atmen für das Gleichgewicht: Re-Zentrierung
Manchmal wollen wir uns nicht erregen oder beruhigen. Wir wollen in unsere Mitte zurückkehren.
Versuch die Boxatmung. Atme 4 Mal ein, halte 4 Mal inne, atme 4 Mal aus und halte wieder 4 Mal inne. Wiederhole 3 bis 5 Runden.
Diese Technik wird von Spitzenathleten unter Druck eingesetzt, nicht weil sie schick ist, sondern weil sie funktioniert.
Im Alltag ist dies die perfekte Atmung vor einem schwierigen Gespräch, beim Warten auf Testergebnisse oder wenn du kurz davor bist, zu etwas Ja zu sagen, was du eigentlich nicht willst.
Atemarbeit ist keine Flucht. Es ist Selbstführung.
Hier ist der Punkt. Wir atmen nicht, um dem Unbehagen zu entkommen. Wir atmen, um Kapazitäten dafür aufzubauen.
Eine meiner Kundinnen, eine junge Frau, die mit einem anspruchsvollen Job und dem ständigen inneren Druck, perfekt zu sein, jonglierte, sagte mir einmal: "Ich habe das Gefühl, dass ich ständig renne und mein Atem mich verfolgt."
Durch konsequentes Üben lernte sie, sich in diesem atemlosen Moment zu begegnen. Innezuhalten. Auszuatmen. Zu bleiben.
Das ist es, was uns die Atemarbeit gibt. Die Fähigkeit zu bleiben. Zu reagieren statt zu reagieren. Zu fühlen, ohne zusammenzubrechen.
Und wenn du den Atem mit Bewegung kombinierst, vor allem mit intuitiver und nicht-linearer Bewegung, wird sie noch kraftvoller. Sie wird zu deinem Rückweg zum Körper. Zu dir selbst.
In meinen eigenen Kursen beginne ich Kraft- oder Flow-Übungen oft mit einer Minute rhythmischem Atem. Das ist ein Ritual. Nicht um den Körper vorzubereiten, sondern um ihn einzuladen.
Es ist ein Unterschied, ob du ein Training durchziehst oder es bewohnst.
Und dieser Unterschied beginnt mit deinem Atem.
Ein Atemzug kann deinen Zustand verändern
Du brauchst kein schickes Studio. Du brauchst keine 60-minütige Sitzung. Du brauchst einen Atemzug. Ein bewusstes Einatmen. Ein sanftes Ausatmen.
Wenn du das nächste Mal überwältigt bist, erstarrst, dich in deinem Kopf drehst, halte inne.
Spüre deine Füße auf dem Boden. Lege eine Hand auf deinen Bauch. Atme ein. Dann atme ein wenig länger aus.
Du bist nicht zurückgeblieben. Du bist nicht gebrochen. Du bist nur einen Atemzug davon entfernt, wieder zu dir selbst zu kommen.
Das ist kein vager Wellness-Trick. Das ist die Weisheit deines Körpers.
So führst du dich selbst zurück.
Quellen
Author: Žeňa Březinová
Mind & Movement Coach. Ich unterstütze Frauen durch achtsame Bewegung, Neurotraining und Atemarbeit. Ich helfe meinen Klientinnen, sich wieder mit ihrem Körper zu verbinden, emotionale Resilienz aufzubauen und nachhaltige Wellness-Praktiken zu entwickeln: online und weltweit. Leidenschaftlich engagiert für Nervensystemregulation, verkörpertes Selbstvertrauen und die Schaffung sicherer, starker Communities, in denen Wachstum sich natürlich anfühlt. :)